KEIN GRUND ZUR URSACHE

KEIN GRUND ZUR URSACHE


 

 

Text:

Wolfgang Bruns und Ulli Haussmann

UA Schauplatz, Berlin, 1987

 

Alle Rechte bei :ecco-Verlag, Lübeck.

Jede Form der Verwertung nur mit Genehmigung des Verlags


 

Personen:

A, Musiker

B, Lohnbuchhalter

 

Ort:

Ein Durchgang. Derselbe 40 Jahre später.

Ein Ort, irgendwo- z.B. in einem Park. Ein Durchgang- z.B. Lamellentüren.

 

Ein Mann -A- sitzt dort, schon bevor Zuschauer sich eingefunden haben. Er hat 'seinen Platz' (auf einer alten Getränke-Holzkiste) gefunden, beschäftigtsich und ist mit sich und der Welt zufrieden.

Nach einiger Zeit nimmt er sein Saxophon und spielt, bzw. übt so vor sich hin. Er könnte Student sein, Musiker. Er spielt eine Melodie, die sich leitmotivisch durch das Stück zieht. Ein zweiter Mann -B-, bewaffnet mit Regenschirm und Aktentasche, geht unbeschwert und zielsicher auf den Durchgang zu. Er nimmt aus dem Augenwinkel A wahr, hält kurz inne, holt seine Börse hervor, wirft A eine Münze zu, geht weiter, ist fast im Durchgang verschwunden, als A leichthin sagt...



A: Lassen Sie ihr Geld stecken. Ich spiele nicht für Geld.

B: Ach, Sie spielen gar nicht für Geld?

A: Nein, ich spiele nur für mich.

B: Ach so, ich dachte Sie...

nimmt die Münze auf, zögert unschlüssig, hält A erneut die Münze mit einem Schulterzucken hin

A: Ist noch was?

B: peinlich berührt, wegen der Ablehnung Nein, nein!

A: Wollen Sie dann nicht weitergehen?

B: schaut sich A genauer an, zögert Ja, will ich.

A: Gut. Dann auf Wiedersehen.

B: Auf Wiedersehen.

B geht durch den Durchgang ab. Das Licht geht langsam aus. Ein mattes Licht erhellt A, der, auf seiner Kiste sitzend, sich an das Publikum wendet:

A: An dieser Stelle ist das Stück zu Ende. Aber bitte behalten Sie Platz, meine Damen und Herren. Es besteht überhaupt kein Grund zur Ursache, denn in Wirklichkeit hat sich diese Begegnung ganz anders zugetragen.

Das Spiellicht blendet wieder auf und A spielt seine Melodie. Selbe Situation wie zu Anfang

A: Lassen Sie ihr Geld stecken. Ich spiele nicht für Geld.

B: Ach, Sie spielen gar nicht für Geld?

A: Nein, ich spiele nur für mich.

B: Ach so, ich dachte Sie...

nimmt die Münze auf, zögert unschlüssig, hält A erneut die Münze mit einem Schulterzucken hin.

A: Ist noch was?

B: peinlich berührt, wegen der Ablehnung Nein, nein!

A: Wollen Sie dann nicht weitergehen?

B: schaut sich A genauer an, zögert Ja, will ich.

A: obenhin Ja, dann gehen Sie doch jetzt dadurch.

B: Dadurch?

A: Ja, warum denn nicht?

B: Warum sollte ich denn dadurch gehen?

A: Aber Sie wollten doch dadurch gehen. Dann tun Sie es doch jetzt.

B: Was ich tue, entscheide ich immer noch selber.

A:  Dann entscheiden Sie sich doch, jetzt dadurch zu gehen.

B: Hören Sie. Wer sagt Ihnen denn, dass ich wirklich dadurch gehenwollte?

A: Aber Sie sind doch genau darauf zugegangen.

B: Was heißt das schon?!

A: Das heißt. Sie waren im Begriff dadurch zu gehen.

B: Ach, das wissen Sie?

A: Was?

B: Sie wissen, was ich wollte!

A: Weil ich das gesehen habe.

B: Ja und?

A: Und genau deswegen habe ich daraufhin gesagt: 'gehen Sie doch jetzt dadurch'.

B: Das habe ich schon verstanden.

A: Na also! dreht sich kopfschüttelnd ab

B: Wie kommen Sie eigentlich dazu, mir etwas befehlen zu wollen?

A: Befehlen- entschuldigen Sie mal. Ich habe Sie höflich gebeten.

B: Höflich gebeten! ich kenne Sie ja nicht einmal!

A: Was hat das denn damit zu tun. Ich Sie ja auch nicht!

B: Ja eben!

A: Was?

B: Kein Mensch sagt 'Gehen Sie jetzt dadurch, wenn man sowieso gerade dadurchgehen will.

A: Doch. Ich! Und da ist doch auch nichts dabei.

B: Na, dann gehen Sie doch dadurch. Bitte!

A: Ich?!

B: Warum denn nicht? Bitte!

A: Das ist doch albern.

B: Nein, dass ist überhaupt nicht albern. Bitte!

A: Ich habe doch nicht gesagt. 'Ich gehe jetzt dadurch', sondern: 'GehenSie jetzt dadurch'.

B: Ja, das haben Sie gesagt. Aber warum sagen Sie das? Was denken Sie sichdabei? Was steckt denn dahinter? Sie haben doch irgendwelche Hintergedanken!

A: Ich will hier nur meine Ruhe haben. Hören Sie, jeder Mensch hatdoch das Recht auf Alleinsein...

B: Ja schön.

A: Und dieses Recht nehme ich auch für mich in Anspruch- und zwar hier!

B: Und was habe ich damit zu tun?

A: Sie? Ich möchte, dass Sie dieses Recht akzeptieren!

B: fassungslos Und dazu haben Sie ausgerechnet mich ausgesucht?!

A: Ich habe Sie dazu nicht 'ausgesucht'.

B: Da bin ich mir nicht so sicher.

A: Das ist doch unglaublich, anzunehmen, ich hätte Sie ausgesucht, jeden X-Beliebigen hätte ich gebeten, mein Recht zu akzeptieren undmich in Ruhe zu lassen.

B: Sie wollen mir erzählen, es hätte jeder X-Beliebige sein können.

A: Natürlich hätte es theoretisch irgend jemand sein können.

B: Theoretisch! Theoretisch interessiert mich aber nicht! Praktisch binich es nun einmal!

A: Ja, aber das ist ja nicht meine Schuld!

B: Da bin ich mir nicht so sicher.

A: Das ist ja nicht zu glauben!

Pause. A hat sich abgewendet. B geht zum Durchgang, sieht ihn sich an, wippt auf den Zehenspitzen, dreht sich um, beobachtet A. Dieser dreht sichzu B um, der leider nicht gegangen ist.

A: Müssen Sie jetzt nicht weiter?!

B: Ich wüsste nicht, dass Sie das was angeht. Und im Übrigen:Ich frage Sie ja auch nichts.

A: geschafft Fragen Sie doch... Fragen Sie doch...

B: Warum sollte ich. Ich bin nicht hergekommen, um Sie was zu fragen, sondernum da hinzugehen.

A: Ach so, bitte, dann gehen Sie doch da hin!

B: Geschickt! Sogar äußerst geschickt! Ich gehe, wenn ich eswill!

Stellt ostentativ Aktentasche und Schirm an den Durchgang und bleibtmit gekreuzten Armen stehen. - A sieht ihn hasserfüllt an. -Pause-

B: Seilen wir hier jetzt ewig stehen?

A: Das fragen Sie mich? Das hätten Sie auch einfacher haben können.

B: ja, wenn Sie nicht da gewesen wären!

A: Oder: Sie wären gekommen, ich hätte gesagt: 'gehen Sie jetztdadurch' und Sie wären einfach weitergegangen.

B: Das kann ich mir vorstellen, dass Ihnen das lieber gewesen wäre.

A: Ja, allerdings!

B: Klar. Er kommt... und geht... und geht und hui, weg isser!

A: Ja, so einfach.

B: Ja, so einfach..., aber nicht mit mir! packt A, will ihn durch den Durchgang schieben Los, jetzt sind Sie dran!

A: Hören Sie auf! macht sich los

B: Los, los dadurch! Gehen Sie jetzt dadurch!

A: Aber ich will nicht!

B: Gehen Sie jetzt dadurch! Das will ich sehen!

A: Ich kann hier solange bleiben wie ich will!

B: Gehen Sie dadurch!

A: Ich wollte nie dadurch!

B: schluckt Sie wollten nie dadurch?!

A: Nein!

B: ... aber mir sagen, ich soll dadurch gehen! ...Also doch!

A: platzt vollends der Kragen Hauen Sie doch ab! Dann gehen Sie dochdahin!

B: Wieso denn? Da komme ich her. Da will ich hin! zeigt zum Durchgang Und ich gehe wo ich will, wann ich will und wo ich nicht will und genau deshalbbleibe ich jetzt hier stehen!

A: packt B am Revers Ich will Sie aber nicht aufhalten!

B: schlägt die Hand weg, kampfberett Das würde Ihnen auchnicht gelingen!

 

 

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